Bindungsstörungen

Bindungsstörungen

Welche Bindungsstörungen unsere Beziehungen prägen

Bindungsstörungen können entstehen, wenn die frühe emotionale Beziehung zwischen einem Kind und seinen wichtigsten Bezugspersonen wiederholt belastet, instabil oder unterbrochen ist. Die Erfahrung, die Kinder in ihren ersten Beziehungen machen, beeinflussen maßgeblich ihre spätere Entwicklung. Sie prägen unter anderem, wie Vertrauen entsteht, wie Nähe und Distanz erlebt werden und Menschen mit anderen in Beziehung treten.

Die Auswirkung ungünstiger Bindungserfahrungen können bis ins Erwachsenenalter reichen. Betroffene haben beispielsweise Schwierigkeiten, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, Nähe zuzulassen oder eigene Gefühle zu regulieren. Gleichzeitig sind Beziehungsmuster nicht unveränderlich. Durch therapeutische Unterstützung und neue, verlässliche Beziehungserfahrungen können belastende Muster schrittweise verändert werden.

Wenn der Zugang zu Gefühlen versperrt ist

Bindungsstörungen

Entstehung von Bindungsstörungen

Nach den Grundannahmen der Bindungstheorie benötigen Kinder in den ersten Lebensjahren eine verlässliche und emotional verfügbare Bezugsperson. Eine sichere Bindung entwickelt sich insbesondere dann, wenn die Bedürfnisse des Kindes wahrgenommen und angemessen beantwortet werden. Wiederholte Erfahrungen von Verlässlichkeit und Feinfühligkeit tragen dazu bei, dass das Kind Vertrauen in andere Menschen und in die eigene Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung entwickelt.

Werden grundlegende Bedürfnisse nach Sicherheit, Schutz und emotionaler Zuwendung dauerhaft nicht ausreichend erfüllt, kann die Entwicklung einer sicheren Bindung beeinträchtigt werden. Mögliche Belastungsfaktoren sind beispielsweise emotionale und körperliche Vernachlässigung, Misshandlung, sexueller Missbrauch, Gewalt innerhalb der Familie oder wiederholte Trennungen von wichtigen Bezugspersonen. Auch eine psychische Erkrankung oder eine Sucherkrankung der Eltern kann deren Fähigkeit zur feinfühligen und verlässlichen Betreuung einschränken. Besonders belastend ist eine Situation, in der die Person, von der das Kind Schutz erwartet, gleichzeitig Angst auslöst.

Bindungsstörungen

Neurobiologische Auswirkungen

Frühe Beziehungserfahrungen stehen in engem Zusammenhang mit der Entwicklung des kindlichen Stress -und Regulationssystems. Anhaltende Belastungen und chronischer Stress können Entwicklungsprozesse beeinflussen, die für die Verarbeitung von Emotionen, die Stressregulation und das soziale Verhalten bedeutsam sind. Dies kann unter anderem dazu beintragen, dass Betroffene Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation, Impulskontrolle oder Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen zeigen.

Mögliche Auswirkungen im Erwachsenenalter

Wenn belastende Bindungsmuster bis ins Erwachsenenalter fortbestehen, können sich unter anderem folgende Schwierigkeiten entwickeln:

  • Beziehungsgestaltung: Probleme, enge und stabile Beziehungen aufzubauen oder langfristig aufrechtzuerhalten
  • Vertrauen: ausgeprägte Skepsis gegenüber anderen oder die Erwartung, enttäuscht bzw verlassen zu werden
  • Emotionsregulation: Schwierigkeiten, intensive Gefühle zu steuern oder eigene Emotionen überhaupt wahrzunehmen
  • Selbstwert: ein negatives Selbstwert sowie ausgeprägte Gefühle von Unzulänglichkeit oder Wertlosigkeit
  • Kontrollbedürfnis: ein starkes Bedürfnis, Situationen und Beziehungen kontrollieren zu müssen oder umgekehrt ein Gefühl von Hilflosigkeit
  • Ängste: insbesondere ausgeprägte Verlust-, Trennungs- oder soziale Ängste

 

Die konkreten Auswirkungen unterscheiden sich von Person zu Person und können mehrere Lebensbereiche betreffen. Häufig entwickeln Betroffene Strategien, mit Unsicherheit und der Angst vor Nähe, Zurückweisung oder Verlust umzugehen. Diese können kurzfristig entlastend wirken, langfristig jedoch bestehende Beziehungsschwierigkeiten verstärken.

Bindungsstörungen

Diagnostik und Erkennung

Die Einschätzung einer möglichen Bindungsstörung basiert auf einer ausführlichen Anamnese und der Beobachtung des sozialen und zwischenmenschlichen Verhaltens. Dabei wird unter anderem untersucht, wie eine Person Nähe und Distanz gestaltet, auf emotionale Situationen reagiert und Beziehungen zu anderen Menschen aufbaut.

Von besonderer Bedeutung ist die Betrachtung der frühen Entwicklungsgeschichte. Erfahrungen wie Vernachlässigung, traumatische Ereignisse, oder wiederholter Wechsel von Bezugspersonen können wichtige Hinweise liefern. Gleichzeitig sollte auch das gegenwärtige Beziehungsverhalten berücksichtigt werden. Relevant ist beispielsweise, wie die Person mit Konflikten, Zurückweisungen, Trennungen oder emotionaler Nähe umgeht.

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Bindungsorientierte Psychotherapie

Bindungsorientierte Ansätze beschäftigen sich mit frühen Beziehungserfahrungen und den daraus entstandenen Erwartungen und Verhaltensmustern. In einer verlässlichen therapeutischen Beziehung können Betroffene erfahren, dass Nähe nicht zwangsläufig mit Zurückweisung, Kontrollverlust oder Beziehungserfahrungen entstehen.

Neben bewussten Erinnerungen können auch automatische emotionale Reaktionen, körperliche Stressreaktionen und tief verankerte Beziehungserwartungen Gegenstand der Therapie sein. Bei traumatischen Erfahrungen ist es häufig sinnvoll, zunächst ausreichende Stabilität und Sicherheit aufzubauen, bevor gezielte Trauma Verarbeitung erfolgt.